Oberarmtransplantation - Ein Jahr danach

Oberarmtransplantation - Ein Jahr danach

 

Über ein Jahr ist es nun her, dass wir bei dem Allgäuer Bauern K. M. beide Oberarme transplantiert haben.

Beeindruckend ist nicht nur das Behandlungsergebnis hinsichtlich der bislang wiedergewonnenen Funktion, sondern auch der ganz offensichtliche Gewinn an Lebensqualität für den Patienten und wie dieser ruhige Mann mit dem Ganzen fertig wurde.

Das freut mich sehr, da ich als einziger "externer" Plastischer Chirurge an dieser Operation, die am Klinikum rechts der Isar in München durchgeführt wurde, beteiligt war.

Insbesondere da wir uns alle im Vorfeld große Gedanken gemacht hatten, ob diese Operation gelingen würde und ob es ethisch vertretbar wäre erstmals beide Arme eines Toten zu verpflanzen.

Wie weggewischt waren alle Gedanken und Skrupel, nachdem diese medizinische "Großtat" gelungen war. Jeder hatte es ja schon immer gewusst, dass dies selbstverständlich alles problemlos und zum Wohle des Patienten ablaufen würde. In den USA wurde bald darauf ein Kongress über das Thema "Extremitäten-Allotransplantationen" abgehalten. Gemäß dem Motto "See one, do one, teach one" sind die Amerikaner ja immer schnell mit diesen Dingen. Über dem ganzen in den folgenden Wochen abgelaufenen Medienrummel trat die medizinische Arbeit fast in den Hintergrund.

Der Erfolg hatte eben viele Väter -!

 

Nun, da sich nach einem Jahr der mediale Pulverdampf  etwas gelegt hat, erscheint es erlaubt sich einige Gedanken über die zukünftige Entwicklung von Extremitätentransplantationen zu machen:

Werden zukünftig mehr derartige Extremitätentransplantationen durchgeführt ?

Mit Sicherheit - ja!

Aber, es darf davon ausgegangen werden, dass Extremitäten-transplantationen niemals den Stellenwert von Organtransplantationen (z. B. Niere, Herz) haben werden. Der Hauptgrund dafür dürfte sein, dass wesentlich weniger Patienten die Transplantation einer Hand oder eines Armes benötigen als z. B. eine Niere. Sicher eignet sich nicht jeder Patient für diese Operation. Aber gerade in der westlichen, industrialisierten Welt gibt es, gottseidank, auch nicht so viele Menschen, die einen Arm, eine Hand oder sogar beide Extremitäten verloren haben.

Ein weiterer, in meinen Augen nicht zu unterschätzender Faktor betrifft die Nachbehandlung. Ähnlich wie bei Organtransplantationen müssen diese Patienten nach der Operation zeitlebens in medizinischer Überwachung bleiben. Die regelmäßige Einnahme von (teueren) Medikamenten ist notwendig. Derartige Voraussetzungen sind etwa in manchen Entwicklungsländern nicht gegeben.

Schließlich ist die Transplantation einer Hand oder eines Armes operationstechnisch zwar nicht extrem schwierig (die mikro-chirurgische Eigengewebs-Zehentransplantation zum Fingerersatz ist technisch sicher wesentlich anspruchsvoller) aber der organisatorische Aufwand ist beträchtlich. Im Falle unseres Patienten waren beispielsweise vier Operationsteams simultan an den Armen tätig (ein fünftes Team noch am Bein). Diese vier Teams mussten aus, in der Replantationschirurgie erfahrenen, versierten und schnellen Operateuren bestehen. Gerade in der heutigen Zeit zunehmender wirtschaftlicher Zwänge darf die Frage gestellt werden: wieviele Kliniken in Deutschland/Europa/weltweit können die Logistik insbesondere die beschriebene "Manpower" für einen derartigen Eingriff bereitstellen ?

 

 

erstellt: 26-09-2009 16:41
Geschrieben von Prof. Dr. med. Peter Graf