Macht Botulinumtoxin glücklich?

Macht Botulinumtoxin glücklich?

Bewegungen können Emotionen beeinflussen. Das hatte bereits Charles Darwin für über 100 Jahren erkannt. Insbesondere kann die Gesichtsmimik Einfluss auf individuelle Emotionen nehmen. Emotionen beim Gegenüber, aber auch beim Individuum selbst.
Nun ist ein neues Buch erschienen, welches sich dieser Thematik annimmt und intensiv diskutiert.
"The Face of Emotion: How BTX Affects Our Moods and Relationships " von Eric Finzi MD
Dabei sind die Grundüberlegungen, wie gesagt, nicht neu.
Die Hypothese, dass Gesichtsmimik Emotionen beeinflussen bzw. evtl. sogar neu schaffen kann (Facial Feedback Hypothesis) wird seit vielen Jahren untersucht und diskutiert.
In diesem Zusammenhang sei auch auf diesen, früheren Blogbeitrag hingewiesen.
Da Botulinumtoxin isoliert Gesichtsmuskelaktivitäten modulieren kann, ist es naheliegend, dass gerade dieses Medikament zum Testen dieser Hypothese Verwendung findet.
Eine Studie aus dem Jahr 2009 von Münchner Neurologen möchte ich hier beispielhaft erwähnen:
Mit Hilfe von MRT-Untersuchungen konnten die Autoren zeigen, dass "Facial-Feedback", also die mimische Aktivität, die Verarbeitung neuronaler Prozesse in den Gehirnregionen, welche für Emotionen verantwortlich sind, beeinflussen. Besonders interessant war, dass z. B. nach Botulinumtoxingabe die Einschränkung einen zornigen Gesichtsausdruck zu machen auch zu einer Milderung der Aktivität in den besagten Hirnarealen (Amygdala, Hirnstamm) führte.
 
Konsequent könnte man nun natürlich die provokante Frage stellen: Macht Botulinumtoxin glücklich? Ist es also möglich durch die Modulation der Mimik mittels Botulinumtoxin auch die emotionale Verarbeitung im zentralen Nervensystem positiv zu beeinflussen. Diese Frage ist sicher nicht von der Hand zu weisen.
Ich denke aber, dass Emotionen wesentlich komplexer im Hinblick auf ihre Entstehung bzw. Verarbeitung im ZNS ablaufen. 
Zweifelsohne deutet heute vieles darauf hin, dass die Gesichtsmimik einer der Einflussfaktoren auf den Regelkreis der zentralnervösen Verarbeitung von Emotionen ist. Eine Hypothese, dass man Emotionen alleine durch Mimik (Facial Feedback) steuern könnte halte ich persönlich allerdings für etwas verkürzt.
Andererseits ist, soweit ich weiß, noch relativ unerforscht inwiefern sich eine inadäquate oder beeinträchtigte Mimik bewußt oder unterbewußt auf das soziale Leben auswirkt. Mit anderen Worten, wenn jemand nach exzessiver Botulinumanwendung Emotionen mimisch nicht mehr adäquat zum Ausdruck bringen kann. Welche Eindrücke und welche Reaktionen sind von der Umwelt zu erwarten?
 
 
erstellt: 24-11-2013 17:55
Geschrieben von Prof. Dr. med. Peter Graf